Futter
Viele Hundehalter sind der Ansicht, die Fütterung mit rohem Fleisch sei riskant und könne für den Hund tödlich enden. Viele Hundehalter sind der Ansicht, die Fütterung mit Fertigfutter aus Sack und Dose sei nicht artgerecht und Ursache für viele Krankheiten. Viele Hundehalter sind verunsichert, weil die einen so und die anderen so reden. Und dann gibt es noch – meist ideologisch angehauchte – Vegetar- oder andere Extremisten.
Klar ist: Der Hund stammt vom Wolf ab, und der Wolf ist ein Beutegreifer. Da die Wölfe das Feuer noch nicht erfunden haben, sind sie auf rohes Frischfleisch und Aas spezialisiert. Und sie fressen die ganze Beute, das heißt nicht nur das Muskelfleisch, sondern auch Knochen, Innereien und sogar Teile des Mageninhalts von Wiederkäuern. Auf dem Speiseplan stehen aber auch Beeren und Früchte sowie Gräser und Kräuter. Diese Ernährung garantiert ihnen die Versorgung mit allen notwendigen Nährstoffen, Vitaminen und Spurenelementen.
Nun ist der Hund aber kein Wolf mehr. In den (nach aktuellem Stand) über 40.000 Jahren Domestikation hat sich der Hund auch in seinen Ernährungsgewohnheiten zwangsläufig dem Menschen evolutionär angepasst – soweit das in der relativ kurzen Zeitspanne möglich war. Bis aber ein Hund mit einer Diät aus Fertigpizza, Tütensuppen und Schokoladenpudding gesund sein genetisch mögliches maximales Alter erreicht, dürfte noch die eine oder andere Jahrmillion ins Land gehen – sofern die Spezies das überlebt.
Klar ist auch: Es gibt bis heute keine strengen wissenschaftlichen Kriterien genügenden, belastbaren Studien darüber, welche Ernährung für einen Hund die beste ist. Vermutlich ist das auch nicht ganz einfach, hat doch die Erfahrung gezeigt, dass man Hunde mit höchst unterschiedlicher Kost relativ lange am Leben halten kann. Die Tierschutzorganisation PETA hat vor einiger Zeit eine Studie über vegan bzw. vegetarisch ernährte Hunde veröffentlicht, die zwar ebenfalls nicht annähernd wissenschaftlichen Kriterien entspricht, aus der sich aber ablesen lässt, dass selbst eine derartig extreme Ernährung einen Hund zumindest nicht sofort umbringt. Allerdings gibt es durchaus Hinweise auf Mangelerscheinungen, z. B. bezüglich L-Carnitin und Taurin, letzteres bekannt aus Funk und Fernsehen als Wirkbestandteil einer sehr bekannten Dosenbrause. Die ist als Nahrungsergänzung für Hunde natürlich nicht so ideal, weshalb sich dieser Mangel am einfachsten ganz unvegetarisch durch rohes Fleisch beseitigen lässt.
Natürlich kann man einen Hund ausschließlich mit Rohfleisch füttern. Das wird ihm auf Dauer sehr wahrscheinlich besser bekommen als eine Veganer-Diät. Aber das heißt auch, dass Innereien bis hin zu Pansen samt anhaftendem Inhalt dazugehören – und wer den Duft von frischem Pansen kennt, wird von der Aussicht auf den damit einhergehenden Familienkrach nur mäßig begeistert sein. Außerdem liegt frischer Pansen im gewünschten Originalzustand nicht in jeder Metzgerei in der Auslage, und eine reine Rohfleischfütterung geht obendrein mächtig ins Geld.
Das andere Extrem ist Industriefutter aus Sack und Dose. Das muss nicht notwendigerweise schlecht sein, die Qualität ist aber schwer zu beurteilen. Sicher ist nur, dass man am untersten Ende der Preisskala keine Ansprüche mehr an die Qualität stellen darf – niemand hat etwas zu verschenken, und Wunder gibt es auch in der Tierfutterindustrie nicht. Ansonsten ist man ähnlich dran wie vor Gericht und auf hoher See, nämlich „in Gottes Hand“. Da helfen auch gelegentliche Tests in der Fachpresse, bei Stiftung Warentest oder anderen Institutionen nicht allzu viel, denn die Hersteller sind frei darin, die Zusammensetzung zu verändern, und das tun sie häufiger, je nach Preisentwicklung der Rohstoffe.
Und dann gibt es noch einen weiteren Aspekt. Evolutionär ist weder der Mensch noch der Hund auf pünktliche, regelmäßige und üppige Mahlzeiten eingestellt. Das Essen nach Uhrzeit ist im Grunde ebenso unnatürlich wie die ewig gleiche „optimale“ Nährstoff-Zusammensetzung, wie sie im Extrem die Industrienahrung bietet – oder dies zumindest behauptet. Physiologisch sind Mensch wie Hund darauf angelegt, Mangelzeiten durch Abbau von körpereigenen Depots schadlos zu überstehen und diese in Zeiten des Überflusses wieder aufzufüllen. Heute wissen wir, dass Menschen, die sich besonders gesund ernähren wollen, indem sie zu ihrem Wellness-Menü, bestehend aus einem mageren Steak und viel Salat, jahrein, jahraus auch noch allerhand Vitaminpillen, Mineralstoffe und sonstige „Nahrungsergänzungsmittel“ konsumieren, keineswegs gesünder und langlebiger sind als andere, die magere Zeiten erlebt haben und über Jahre ihres Lebens eben nicht die sogenannte vielseitige, ausgewogene Ernährung hatten, die wir uns heute leisten können. Das ist nun beileibe nicht die alte Leier vom Opa, der Kettenraucher war und 90 wurde, sondern durch zahlreiche seriöse Studien sehr gut belegt.
Das lässt sich auch auf den Hund übertragen. Die ständige Voll- und Überversorgung mit sämtlichen Makro- und Mikronährstoffen in immer gleicher Zusammensetzung ist sicher nicht ideal. Der Stoffwechsel braucht, wie der Rest des Körpers auch, ein gewisses Training, um fit zu bleiben. Und deshalb ist es gut und richtig, wenn Menge und Zusammensetzung des Futters variieren. „Ausgewogene Ernährung“ heißt nicht, zu jeder Mahlzeit alle Nährstoffe in sogenannter „optimaler“ Zusammensetzung zu bekommen, sondern bezieht sich auf einen Zeitraum von Wochen oder gar Monaten. Das heißt aber andererseits nicht, dass die Futterzusammensetzung von Mahlzeit zu Mahlzeit extrem unterschiedlich sein soll. Das Verdauungssystem und seine Bewohner müssen sich auf die Futterkomponenten einstellen können. Das ist kein Problem, wenn diese bereits bekannt sind, macht bei völlig neuen Bestandteilen aber unter Umständen etwas Mühe. Der Hund ist außerdem ein Gewohnheitstier – was der Bauer nicht kennt ...
Ja aber ist rohes Fleisch denn nicht gefährlich? Immerhin wird häufig davon abgeraten, und dahinter steckt nicht immer die Futtermittelindustrie. Klare Antwort: Kommt drauf an. Und zwar ausschließlich darauf, wie groß das Risiko ist, dass das Fleisch mit dem Aujeszky-Virus verseucht ist. Dieser Virus ist der Erreger der Aujeszkyschen Krankheit, auch als Pseudorabies oder Juckpest bekannt, die bei fast allen Säugetieren außer Mensch und Schwein einen schnellen Tod zur Folge hat – auch für Hunde ist eine solche Infektion zu 100% tödlich. Das einzige relevante Virus-Reservoir ist jedoch das Schwein, und zwar sowohl Wild- als auch Hausschweine. Die Ansteckung der Schweine untereinander erfolgt durch direkten Kontakt, aber auch verseuchte Gerätschaften und Kleidung. Auch andere Tiere können sich so infizieren, allerdings offenbar nicht so leicht wie Schweine. Dennoch kam es immer mal wieder vor, dass auch Rinder von dem Virus befallen wurden. Das Fleisch aus dadurch verursachten Notschlachtungen gelangte in den Verkehr und konnte so auch bei Hunden zu Todesfällen führen, weshalb nicht nur Schweinefleisch, sondern auch Rindfleisch in Verruf geriet.
Da das Virus zwar bei erwachsenen Schweinen allenfalls zu schlechteren Mastleistungen führt, für Saugferkel jedoch ebenfalls tödlich ist, wurden in den vergangenen Jahrzehnten einige Anstrengungen unternommen, diese Krankheit aus den europäischen Schweineställen zu verbannen, was um die Jahrtausendwende auch erfolgreich war. Deshalb ist das Risiko, sich Aujeszky einzufangen, für unsere Hunde drastisch reduziert. Ganz beseitigt ist es jedoch nicht, denn in der Wildschweinpopulation ist das Virus nach wie vor vorhanden. Bei Jagdhunden sind vereinzelte Todesfälle nach einem Kontakt mit Wildschweinen bekannt, der letzte ist, soweit ich das recherchieren konnte, allerdings schon einige Jahre her. Ein Risikofaktor ist auch die Freilandhaltung von Schweinen, weil ein direkter oder indirekter Kontakt mit infizierten Wildschweinen nicht ausgeschlossen werden kann.
Was lässt sich daraus schließen? Das Risiko einer Aujeszky-Infektion ist heute auch bei einer Fütterung mit Rohfleisch generell sehr gering. Auf der sicheren Seite ist man, wenn man ausschließlich Rind aus bekannten Herkünften verfüttert – es liegt dann praktisch bei Null. Auch Schaf und Ziege sind unbedenklich, sofern sie aus Stall- oder Koppelhaltung stammen, Geflügel sowieso.
Wart vom Eigenhof — Hovawarte