Vom Hund zum Hovawart
Hova... - was? Schäferhund, Dackel, Boxer, meinetwegen auch Rehpinscher – klar. Aber Hovawart? Nie gehört.
Das sollte sich ändern. Im Jahre des Herrn 1995 nahm ich mir, meiner dissoziativen Identität als Werbefuzzi, Agenturgesellschafter, Admin, Programmierer, Gelegenheitsautor, Ehemann und Vater zweier mehr oder weniger erwachsener Söhne temporär überdrüssig, eine längere Auszeit und begab mich nach Griechenland, wo ich mich zu meiner nicht geringen Überraschung alsbald als Hüter eines kleinen Häuschens wiederfand. Selbiges liegt sehr idyllisch und sehr einsam oberhalb der Küste an den Hängen des mächtigen Taigetos-Gebirgszuges, inmitten der ausgedehnten Olivenhaine der nördlichen Mani, und gehört einer befreundeten Journalistin aus Deutschland, die dort lebt und arbeitet, aber just zu dieser Zeit kurzfristig wegen einer Reportage einige Wochen ins Ausland abberufen wurde. Mir kam das sehr zupass, da das Leben in dem mittlerweile touristisch erschlossenen, wenn auch nicht überlaufenen kleinen Küstendorf, in dem ich zunächst Logis genommen hatte, meinem Bedürfnis nach Ruhe und Beschaulichkeit nicht im gewünschten Umfang Rechnung trug.
Das tat das Häuschen um so mehr. Es bestand zur damaligen Zeit aus vier rustikalen Natursteinwänden sowie einem Dach und enthielt ein Bett, einen Stuhl, als Tisch ein Brett vor einem Fenster mit traumhafter Fernsicht sowie etliche Regalmeter Bücher.
Zu dem Häuschen gab es zwei interessante Dreingaben. Die eine war ein Classic Car in Form eines reichlich abgerittenen Suzuki LJ 80 der ersten Generation. Die Antiquität war am Rande der Geröllpiste abgestellt und benötigte zur Fahrbereitschaft noch einige kleinere Restaurierungsarbeiten. So schien es unter anderem dringend geraten, den Holzpflock an der Unterseite des Motorblocks durch eine amtliche Ölablassschraube zu ersetzen. Nachdem das und ein paar andere unbedeutende Reparaturen erledigt waren, leistete der kleine Allradler in der Folgezeit auf den Schotterpisten der Mani hinauf in den Taigetos, hinunter zum Strand und in die diversen Kafeneions und Tavernen der Umgebung hervorragende Dienste.
Die andere Dreingabe war ein großer schwarz-brauner Hund, den ich dank meiner damals noch abgrundtiefen kynologischen Ignoranz ohne großes Nachdenken als Promenadenmischung einstufte. Das liebe Haustier sei keineswegs ein Mischling, sondern ein reinrassiger Hovawart, klärte mich die Besitzerin leicht gekränkt auf. Es sei ein Rüde, etwa ein Jahr alt und heiße Howie, teilte sie mir noch mit, und ich solle mich mit ihm doch bitte nicht öffentlich blicken lassen. Den Grund für diese merkwürdige Auflage wollte sie mir allerdings partout nicht verraten. Dazu bekam ich noch einen Sack Futter, eine Leine und ein User Manual in Form eines neuzeitlichen Erziehungsratgebers* überreicht und war fortan auf mich gestellt.
Das Hunde-Ausgangsverbot schob ich mangels anderer greifbarer Gründe zunächst auf die Tatsache, dass diese Spezies bei Otto Normallandgrieche nicht sonderlich beliebt ist. Ich bekam allerdings rasch heraus, dass das nur der kleinere Teil der Wahrheit war. Das liebe Haustier war leider in der ganzen Umgebung als rabaukenhaft und lästig verschrien, und Einheimische wie Zugezogene wussten schon allein aus diesem Grund seine Anwesenheit überhaupt nicht zu schätzen. Es schien also angesichts der verbreiteten Abneigung, die mir als temporärem Hundebesitzer plötzlich entgegenschlug, tatsächlich angebracht, Howie von der restlichen Menschheit fernzuhalten. Den Hund also stunden- oder gar tageweise im Häuschen einsperren? Eine Vorstellung, die mir nicht nur einigermaßen riskant erschien, sondern auch höchst zuwider war. In den nächsten Wochen auf sämtliche Sozialkontakte verzichten wollte ich allerdings auch nicht, jedoch gerne auf böse Blicke und allfällige Anraunzer von „nimm den Hund weg“ bis „ich kann das Viech nicht ausstehen“. Zudem - war der Vielgeschmähte überhaupt haftpflichtversichert?
Ganz ohne Hunde-Erfahrung war ich allerdings nicht. In meiner Jugend gab es zu Hause einen klassischen langhaarigen Schäferhund japanischer Provenienz. Der war freundlich, aber von durchschnittlicher Intelligenz, nicht mein Hund, und außerdem hatte man damals gänzlich andere Vorstellungen von Hundeerziehung, wenn überhaupt. Also nicht viel, auf das ich zurückgreifen konnte und wollte.
Was also tun? Dank langjähriger IT-Erfahrung mit der Relevanz des Akronyms RTFM durchaus vertraut, machte ich mich umgehend an die Lektüre der Hundegebrauchsanweisung. Zu meiner Überraschung wurde das Buch, für Prosawerke dieser Art ganz unüblich, mit jeder Seite spannender. Und weil mir das Hündchen recht munter und dabei durchaus zugänglich erschien, probierte ich in den folgenden einsamen Tagen einige der Handbuch-Rezepte aus – und war völlig verblüfft von der spontanen Wirkung. Das war ja gar kein Rabauke und Störenfried, sondern ein höchst umgänglicher, verschmuster, intelligenter, lernbereiter, sprich rundum sympathischer Junghund, der sofort begriff, was ich von ihm wollte, und sich daran tatsächlich auch noch am nächsten und am übernächsten Tag erinnerte. Zufall? Wunder? Nein. Einfach nur Hovawart - wie ich nach und nach herausfand.
Sitz und Platz hatte er wohl schon mal irgendwo gehört, das hatte er nach ein paar Minuten drauf. Komm klappte auch bald, und selbst das gesittete Ein- und Aussteigen musste ich ihm nur genau zwei mal zeigen, und danach wartete er brav auf dem Beifahrersitz, bis ich ihm mit einem „Hopp“ erlaubte, das Auto zu verlassen. Zuvor war das eine durchaus blutige Angelegenheit, denn er zwängte sich grundsätzlich mit vollem Einsatz über die lediglich durch Shorts geschützten Beine des Fahrers, sobald die Tür auch nur einen Spalt geöffnet wurde. Ja, auch Hovawarte haben Krallen. Aber Howie lernte schnell, und es machte ihm offensichtlich Spaß. Mir auch.
Mein erster Ausflug mit ihm in die Welt der anderen Menschen blieb denn auch ganz ohne die angedrohten Folgen wie verbellte Passanten, heruntergezerrte Tischtücher, kaputte Hühner, 10 Katzen auf 30 Meter hohem Eukalyptus, umgeworfene Kinder und dergleichen. Er benahm sich ausgesprochen gesittet und aufmerksam. Wir kamen prächtig miteinander aus. Und so hatte ich das ungeahnte Glück, einige wundervolle griechische Wochen mit einem wundervollen Hund verbringen zu dürfen. Woraufhin unverrückbar feststand: Ich will einen Hovawart.
Der Stammvater meiner Hovawart-Träume ist 2008 im Alter von 13 Jahren friedlich entschlafen.
*„Hunde verstehen und richtig erziehen”, Ross/McKinney, Kosmos Verlag 1994
Wart vom Eigenhof — Hovawarte